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🗓 08.08.22 👤 annesophie 👌 Einfach

Morgens Koks, abends Feierabendbier: die Schattenseiten der Gastronomie

Wollen wir nicht alle nach einem langen, harten Arbeitstag den Job für einen Moment vergessen? Uns entspannen, mit Freund:innen und Familie die Zeit genießen? Doch was, wenn die Arbeit den Großteil des Tages einnimmt und die Zeit, die außerhalb der Schicht bleibt kaum reicht, um genug Schlaf zu bekommen. Manchmal vergessen wir, dass die Arbeit einen größeren Einfluss auf das Leben und die täglichen Entscheidungen hat als wir denken.

Morgens Koks, abends Feierabendbier: die Schattenseiten der Gastronomie

Wo und für wen wir arbeiten, hat eine immense Auswirkung auf die Art und Weise, wie wir denken und handeln. Oder ist es umgekehrt? Beeinflussen Handeln und Denken unsere Jobwahl? Diese Fragen und warum die Line Koks am Morgen, der Koch-Wein zwischendurch und Speed am Abend im Gastrobetrieb oft zu treuen Begleitern werden, schauen wir uns im Folgenden genauer an.

Aufputschmittel gegen Müdigkeit 

Wir kennen es doch alle: Es ist Freitagabend, 18.00 Uhr. Das verdiente Wochenende hat begonnen und alles, woran man denken kann, ist die Verabredung am späteren Abend mit den besten Freund:innen im neuesten Szene-Restaurant. Und später dann die Nacht ausklingen lassen mit ein paar Cocktails in DER Bar schlechthin. Braucht man doch nach einer langen und stressigen Arbeitswoche. Oder? 

Doch was ist mit all den Menschen, die tagtäglich arbeiten, wenn wir uns vergnügen. Oft vergessen wir, dass nicht alle eine geregelte Arbeitswoche haben, die sogenannte Nine-to-Five-Woche. Köche und Köchinnen arbeiten oftmals 6 bis 7 Tage die Woche, 12 bis 14 Stunden am Tag (Culinary Lab, 2020). Studien zeigen, dass 44 % der Restaurant-, Bar- und Hotel-Mitarbeiter:innen über 48 Stunden in der Woche arbeiten, während es bei 14 % sogar über 60 Stunden sind. Wie es möglich ist über Wochen oder Jahre so viele Stunden zu arbeiten? Oftmals helfen Alkohol und Aufputschmittel …  

Laut einer Studie der Substance Abuse and Mental Health Services Administration ist die Gastronomie, im Vergleich zu anderen Branchen , die mit dem höchsten Konsum und Missbrauch illegaler Drogen. Außerdem ist die Gastronomie die drittgrößte Branche bezüglich starkem Alkoholkonsum. Nur Minen- und Bauarbeiter:innen trinken mehr. Wenn man sich die Studienlage bezüglich des starken Alkoholkonsums genauer anschaut, macht es „Sinn“ in den Bereichen Minen- und Bauarbeit, da die demographischen Faktoren dieser Arbeitsgruppe oftmals jung und männlich sind. Diese demographische Gruppe hat unabhängig von der Karriere einen höheren Konsum von alkoholischen und chemischen Substanzen. Doch lass uns die Fakten genauer auf den Tisch legen: 

  • 17 % der Beschäftigten in der Gastronomie wurden mit einer Drogenmissbrauchsstörung diagnostiziert.

  • 11,8 % der Beschäftigten in der Gastronomie berichteten von Alkoholexzessen im Arbeitsumfeld im letzten Monat.

  • 19,1 % der Beschäftigten in der Gastronomie berichteten von einem Konsum illegaler Drogen außerhalb und während der Arbeitszeit im letzten Monat. Krass, oder?

Kokain zum Frühstück, Speed zum Mittagessen 

Eine weitere Umfrage im deutschsprachigen Raum zeigte, dass mehr als zwei Drittel aller Beschäftigten in der Gastronomie bei der Arbeit mit Drogen zu tun haben. Fast die Hälfte sogar regelmäßig. 70 % der Befragten waren davon überzeugt, dass in der Gastro-Szene das Risiko, in eine Abhängigkeit zu geraten weit höher ist, als in anderen Branchen. Wieso? Warum gerade die Food-Szene? 

Wir haben oft ein utopisches Bild, wenn es um die Gastro-Szene geht. Social Media-Plattformen wie Instagram zeigen uns bildlich wie ästhetisch und harmonisch die „behind the scenes“-Momente aussehen. Doch entsprechen sie der Wahrheit? We doubt it. Denn eine Line Koks oder müde Augen nach einer 14 Stunden-Schicht sind nicht sehr instagramable. Lass uns zusammen anschauen, warum gerade die Gastronomie sowie die Hotelbranche Mitarbeiter:innen anscheinend dazu “verleitet”, Aufputsch- und Rauschmittel jeglicher Art tagtäglich zu konsumieren. 

Der einzige Ausweg: Aufputschmittel 

Die Arbeitsbedingungen: Als Gast erwarten wir immer dieselbe gute Qualität. Schließlich gehen wir ins Restaurant oder in die Bar, weil es uns schmeckt und weil uns die Atmosphäre gefällt. Und Hand aufs Herz, sind wir nicht alle Gewohnheitstiere, die unsere Trüffelpasta genauso wollen wie immer, weil sie super cremig und mit extra viel Trüffel einfach am besten schmeckt? Wenn dann beim zweiten Besuch das Essen nicht unseren Erwartungen entsprach oder das Personal mal kurz unfreundlich war, dann suchen wir uns halt ein neues, cooles Szene-Lokal, wo wir unser Geld lassen und uns das ultimative Wochenend-Erlebnis holen können. Was ist schon dabei? 

Hinter den Kulissen bedeutet das: Ein kompetitives Umfeld geprägt von Stress, arbeiten, wenn andere Leute frei haben, während man im Hinterkopf den Druck und die Angst vor dem Jobverlust verspürt. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Wegen der körperlich anstrengenden Arbeitsbedingungen besteht das Arbeitsumfeld aus relativ jungen Menschen. Durch die wechselnden Schichten (und besonders Nachtschichten) bleibt oft zu wenig Zeit, um gesunde Beziehungen mit anderen Menschen außerhalb der Arbeit aufrecht zu erhalten. Was entsteht: Normen einer Arbeitskultur, geprägt durch Momente wie dem bekanntlichen Feierabendbier oder des täglichen Feierns nach der Arbeit. Der soziale Druck der Kolleg:innen ist dann oftmals ein Auslöser und lässt einen das eine oder andere Glas Wein trinken oder man „gönnt“ sich kurz mit den Anderen die eine oder andere Line Kokain. Wenn man dann noch den ganzen Tag von Alkohol umgeben ist und der Zugriff einem so einfach gemacht wird – dann wird aus einem Glas schnell der tägliche Aperitif. (Kaliszewski, 2020; Gronda, 2017) Stell Dir vor, Du müsstest jeden einzelnen Tag unter diesen Konditionen arbeiten, könntest und würdest Du den kleinen chemischen Muntermachern absagen?

Drogen am Arbeitsplatz 

Bereits mehrere Menschen haben das Problem und die Schattenseiten der Gastronomie erkannt und probieren es zu thematisieren. Der britische Star-Koch Gordon Ramsay beschreibt Drogen als „das kleine schmutzige Geheimnis“ der Hotel- und Gastronomiebranche. Um seine Aussage zu untermauern testete er die Toiletten seiner 31 Restaurants nach Kokain-Spuren. Das Resultat: Nur in einem Restaurant fand er keine. Nur in einem! 

Der Michelin-Koch kennt die Folgen des massiven Drogen-Konsums aus eigener Erfahrung. 2003 starb einer seiner Küchenchefs, David Dempsay, nach der Einnahme von Kokain (Vasagar, 2003). Es ist kein Einzelfall: Der Promi-Koch und Küchenchef Paul Giganti, der durch die Fernsehserie Hell’s Kitchen bekannt wurde, starb 2017 an einer Überdosis. Interessant ist: Drogen- und Alkoholmissbrauch sind nicht begrenzt auf einen gewissen Restaurant-Typ. Beobachtet wurden Missbrauche von Substanzen bei Mitarbeiter:innen in Fast-Food-, herkömmlichen und Fine-Dining-Restaurants. Eine kürzlich veröffentlichte Studie untersuchte den Gebrauch von (illegalen) Substanzen bei Michelin-Stern-Küchenpersonal in Großbritannien und Irland. Das Resultat: Alkohol und Aufputschmittel, wie Speed oder Kokain, werden regelmäßig als „Self-Medication“ (Selbstbehandlung) und als „Bewältigungsstrategie“ benutzt. Und das unabhängig von der Position und vom Status der Personen. Während Alkohol größtenteils zur Entspannung nach einem hektischen und stressigen Tag dient, werden Drogen und andere Substanzen benutzt um die stetige Qualität, Effizienz und Performance zu garantieren (Giousmpasogloua, C., Brown, L., & Cooper, J., 2018). 

Kokain – Das neue Mehl? 

Das Thema Drogen und Alkoholmissbrauch in der Gastronomie und Hotelbranche ist nichts Neues. Jeder Mensch, der in der Gastro-Szene gearbeitet hat, konnte wahrscheinlich mit eigenen Augen die Schattenseiten der Branche erkennen und oftmals erleben. Out of sight, out of mind: Wenn man dann den Arbeitsplatz wechselt und das Problem einem nicht mehr tagtäglich begegnet, verdrängt und vergisst man oft, dass es existiert. Aber nicht nur Insider: Wir alle sollten uns mehr mit dem Thema beschäftigen und auseinandersetzen. Denn bekanntlich überall, wo Höchstleistung tagtäglich erbracht werden muss, gibt es Aufputschmittel. Wir können einfach akzeptieren, dass Koks das Trend-Mehl des 21. Jahrhunderts ist. Oder wir werden sensibler und offener für das Thema und machen auf das Problem aufmerksam. Wir haben gesehen, dass die Studienlage offenlegt, wie viele Mitarbeiter:innen auf Aufputschmittel zurückgreifen, um ihre Arbeit durchführen zu können. Durch die Thematisierung können wir alle zusammen ein zukünftiges Arbeitsumfeld schaffen, in dem kein toxisches Klima herrscht, das seine Mitarbeiter:innen zum Drogen- und Alkoholmissbrauch verleitet. 

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