KoRoverse: Mit Kunststoff gegen den Klimawandel?!

Mauers Meinung: In seiner Kolumne beschäftigt sich Dominik Mauer in diesem Artikel mit Kunststoff und dem Klimawandel.

Dominik Mauer, M.A., ist promovierter Linguist und lebt als Werbetexter, Autor und veganer Pizzabäcker in Berlin.

 

Zuviel Polydings in den Meeren

Während meiner Doktorarbeit war ich fünf Jahre lang nicht am Meer. Mehr als Thermenbesuche und Kurztrips nach Berlin waren damals zeitlich einfach nicht drin. Nach der Abgabe habe ich das nachgeholt und eine längere Zeit auf Korfu verbracht. Solange man dort baden konnte, habe ich täglich das erste Stück Plastik, das mir im Meer entgegenkam, aus den Wellen gefischt und an der Strandbar in den Mülleimer fallen lassen. „Jeden Tag eine gute Tat“, so hatte ich es als Kind von Donald Ducks Neffen gelernt. Natürlich hätte ich den ganzen Tag so weitermachen können. Aber dann hätte ich schon wieder einen unbezahlten Sisyphos-Job gehabt, dessen Ergebnis am Ende niemandem auffällt. Und genau davon wollte ich mich ja eigentlich erholen.

Während es eher die Fantasie anregt, sich vorzustellen, wie jetzt gerade diese knallrote Plastikkapsel ihren Weg über das Mittelmeer an meinen Lieblingsstrand gefunden hat, erregte der Plastikmüll am Wegrand einfach nur meinen misanthropischen Unmut. Und beim nächsten Sturm landet ein Teil davon eh im Meer. Was, wie mir gerade auffällt, meine Frage ja schon teilweise beantwortet. Leider ist Plastikmüll seemeilenweit davon entfernt, lediglich ein Luxusproblem für urlaubende Hipster zu sein. Künstliche Polymeere – wie Plastik auf Schlau heißt – finden sich mittlerweile in gigantischen Mengen in den natürlichen Meeren. Dies hat massive ökologische Folgen, die Kunststoff für echte Albträume sind.gif-schildi

Plastik-Stochastik

Doch was kann man mit seinen Kaufentscheidungen in Deutschland dagegen tun? Gegen den Müll im Meer zunächst mal gar nicht so viel. Wer Plastikabfall in Deutschland korrekt entsorgt, der kann davon ausgehen, dass ihm dieser nicht eines Urlaubstages an mediterranen Stränden entgegentreiben wird. Vorher gewinnt man einen Bitcoin im Lotto oder ein YouTube-Clip der CDU geht viral. 99 Prozent des Plastikmülls, der in Deutschland entsorgt wird, landet nicht in den Weltmeeren. Dennoch ist die Öko-Bilanz letztlich eher bescheiden: Das eingesammelte Plastik wird zu 40 Prozent recycelt, also wiederverwendet, und zu 60 Prozent verbrannt, wofür sich sprachbegabte Menschen den leicht zynisch klingenden Euphemismus des „energetischen Recyclings“ ausgedacht haben. Die Energie, die dabei gewonnen wird, geht in die Wärme- und Stromerzeugung, das CO2 steigt in die Atmosphäre und erzeugt dort jene Effekte, die als Klimawandel bekannt und gefürchtet sind. muelltrennung

Die Lösung? Loading…

Dass KoRo auf Müll-Minimalismus setzt, ist insofern erfreulich: Das Start-up gelobt, den Trash nach Möglichkeit gar nicht erst zu machen, der später recycelt werden müsste. So verwenden die energiebewussten Entrepreneure Großpackungen, um die Plastikmenge möglichst gering zu halten. Nach „zero waste“ klingt das allerdings noch nicht, allenfalls nach „weniger waste“. Außerdem hätte ich als Kunde ein besseres Gefühl, wenn mir die Bio-Paranüsse in vertrauensvoll knisterndem Recycling-Papier geliefert würden statt in ökologisch verdächtiger Plastikfolie. Andererseits kaufe ich KoRo aber ab, dass Papier nur „auf dem Papier“ die bessere Lösung ist. Selbst ein angesagtes Digital-Start-up in Berlin Mitte muss sich schließlich den trivialen Real-Life-Herausforderungen des Online-Lebensmittelversandes stellen.

Und denen, so KoRo, sei aktuell am besten mit dem OPP-Blockbodenbeutel beizukommen. Der Kunststoff-Klassiker mit Zungenbrecher-Potential ist deshalb auch der aktuelle Verpackungs-Favorit der umweltbewussten Unternehmer. Er sei relativ CO2-sparsam, außerdem leicht, stabil, transparent und luftdicht verschweißbar, argumentiert das Start-up. Also wieder ein Kompromiss. Vielleicht aber gar kein so schlechter. Trotzdem würde es mich freuen, alle geeigneten Produkte weiterhin in Papierpackungen zu bekommen. Am besten natürlich in kompostierbaren, sobald diese voll funktionsfähig sind.

Ein abfallfreier Online-Lebensmittelversand scheint bislang noch utopisch. Natürlich könnte man sich stylische Retro-Konservengläser hin und herschicken und so die Verpackungsproblematik nachhaltig eintüten. Der Haken: Die CO2-Emissionen bei der Verpackungsherstellung, das hat uns KoRo schon vorgerechnet, machen nur bis zu zehn Prozent des CO2s aus, das für die Produktion und den Transport eines Produkts insgesamt anfällt. Und Gläser fielen hier besonders stark ins Gewicht. Solange uns keine solarbetriebenen Drohnen die Smoothies in essbaren Trinkbechern auf den Balkon fliegen, werden wir uns wohl noch mit kleinen Schritten und Kompromissen begnügen müssen.rechnung

Atempause für die Atmosphäre

Ein weiterer Ansatz, mit dem KoRo seine Klimabilanz optimieren möchte, ist das Aufforsten von Bäumen. Dazu haben sich die Berliner mit dem gemeinnützigen Verein PrimaKlima zusammengetan. Geht es nach den erfahrenen Klimaschützern, sollte man in seinem Leben nicht nur einen Baum pflanzen, sondern am besten gleich einen ganzen Park. PrimaKlima geht hier mit wirklich gutem Beispiel voran. In Deutschland, aber vor allem auch in Lateinamerika, wo in Kooperation mit der lokalen Bevölkerung CO2-hungrige Wälder entstehen.

Die Idee, beim Thema Klimaschutz nicht nur einzelne Aspekte herauszugreifen, sondern ein Gesamtpaket zu schnüren, finde ich klasse. Gerne zahle ich als Kunde dafür auch die neuen, aufgerundeten Preise (also z.B. ehrliche 6 Euro statt verlockender 5,90). Die Differenz geht, so KoRo, u.a. an PrimaKlima, die damit Bäume in Uganda und Bolivien pflanzen werden. Die Kritik, dass Bäume CO2 nur mittelfristig binden, es also nicht in Regenbögen und Einhörner verwandeln, ist natürlich berechtigt. Auch Aufforstungs-Projekte sind also wieder ein Kompromiss. Eine kleine Atempause. Die aber können wir alle gut gebrauchen, während wir weiter daran arbeiten, klimafreundlichere Verbraucher und Versandhändler zu werden. Verpacken wir es an!

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  • Gut recherchierte witziger Artikel

    Der Artikel von Herrn Mauer hat mir sehr gut gefallen. Er wirkt gut recherchiert und witzig. Besonders gut gefällt mir dass es kein vor Selbstlob triefende Werbeartikel ist sondern ein persönlicher und kritischer Kommentar mit guten Vorschlägen.

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